2.6.26
Annemarie Regez
Liebe Brüder!
Die Krankheit meiner lieben Frau & der hoffnungslose Zustand der Hotellerie, diese 2 grossen Dominanten, zwingen mich zu einem ernsthaften Schritt. Alle meine Überlegungen & Abwägungen des pro & contra führen zu dem Resultat, dass es das beste sein wird, wenn wir alle Hebel in Bewegung setzen, das Hotel zu veräussern.
So schreibt Walter Schoeck im Jahr 19341 an seine Brüder, Miterben und Mitinhaber der 1933 gegründeten Eden-Hôtel A.G. Der Zweitjüngste der vier Schoeck-Brüder befindet sich ab Mitte der dreissiger Jahre in einer misslichen Lage. Das von seinen Eltern erbaute Hotel Eden in Brunnen ist durch die Weltwirtschaftskrise defizitär, nachdem schon die Auswirkungen des Ersten Weltkriegs die Einnahmen schwinden liessen.
Das Hotel hatten die Eltern, Alfred und Agathe Schoeck-Fassbind, um die Jahrhundertwende in Brunnen unter der Familienvilla errichten lassen.
Alfred Schoeck, Sohn eines begüterten Seidenhändlers und einer aus vermögendem Hause stammenden Baslerin, hatte sich gegen den ursprünglichen Willen der Eltern durchgesetzt und eine Karriere als Kunstmaler angestrebt.
Als Tochter der Besitzer des Hotels Waldstätterhof, dem nobelsten Hotel in Brunnen, lag es für Agathe auf der Suche nach einer Einkommensquelle nahe, ein Hotel bauen zu lassen. Von den vier mehrfachbegabten Söhnen war es Walter, der dazu auserkoren wurde, Hotelier zu werden, auch wenn er selbst es wohl anders formuliert hätte: Das Hotel blieb an ihm hängen.
Seine beiden älteren Brüder hatten bereits eine Berufswahl getroffen, Paul als Architekt und Ralph als Mathematiker, während die Laufbahn von Othmar, dem Jüngsten, schon von klein auf durch seine Hochbegabung und Leidenschaft für die Musik vorgezeichnet war.
Walter wird in das Pädagogium in Godesberg am Rhein geschickt, eine der renommiertesten Privatschulen im deutschen Sprachraum zu der Zeit. Aber der preussisch-stramme Schulbetrieb wirkt sich verheerend auf das feine Gemüt Walters aus. Laut seinem Nachruf rettete er sich durch «eine mutige Flucht aus dieser Drillanstalt»2 und überzeugte damit die Eltern, einem Schulwechsel zuzustimmen. Walter kommt auf die Handelsabteilung der Kantonsschule Zürich, die er 1904 mit Diplom abschliesst.

Nach der Schule verbringt der designierte Hotelier jeweils die Wintersaison zur Weiterbildung in Hotels in London, Florenz und Assuan, von wo er 1910 zurückkehrt, um das elterliche Hotel zu übernehmen.
Schon zuvor war ihm die Verantwortung für das Hotel übergeben worden, etwa als seine Eltern 1909 eine ausgedehnte Italienreise unternahmen.
Die Zeit von 1880–1914 gilt als die Glanzzeit des Schweizer Tourismus3 und so macht man auch im Brunner Hotel leidlich gute Geschäfte, auch wenn das Eden weit davon entfernt ist, eine Goldgrube zu sein. Walter weist seine Brüder immer wieder darauf hin, dass das Hotel von Anfang an nur dank regelmässigen Zuschüssen aus dem Familienvermögen hatte erhalten werden können.
Während des 1. Weltkriegs kann man sich mit der Einquartierung von deutschen Internierten über Wasser halten. In der Zwischenkriegszeit erfolgt ein kurzer wirtschaftlicher Aufschwung, von dem man auch in Brunnen profitiert.
Als der Vater, Alfred Schoeck, am 26. Januar 1931 stirbt, erben die vier Brüder gemeinsam das Hotel, die Villa Ruheim, die dazugehörigen Liegenschaften und auch die Schulden bei der Schwyzer Kantonalbank. Die Möglichkeit einer Erbteilung, die ihr Anwalt, Dr. R. Niederer, in einem Brief vom 13. Januar 1933, antönt, wird nicht in Betracht gezogen. Stattdessen erfolgt am 25. Januar 1933 die Gründung einer Aktiengesellschaft. Sozusagen auf den letzten Drücker, da diese bis zwei Jahre nach dem Tod des Erblassers handänderungssteuerfrei vor sich gehen konnte. Mit der Gründung der Eden-Hôtel A.G. ist zwar die Gefahr gebannt, dass die Brüder mit ihrem Privatvermögen für geschäftliche Forderungen haften müssen, aber das grundsätzliche Problem des defizitären Hotels besteht weiterhin.

Sowohl die Defizite aus dem Hotelbetrieb wie auch die Schuldzinsen an die Kantonalbank werden aus dem sich stets verkleinernden Familienvermögen entrichtet. Weil das nicht auf ewig gutgehen kann, warnt Anwalt Niederer bereits zwei Jahre später, am 31. Dezember 1934, die Brüder in einem achtseitigen Brief eindringlich und ultimativ, zu handeln. Nämlich die Schulden zu begleichen und das Hotel zu verkaufen. Allerdings hat er wenig Hoffnung, dass seinem Rat nachgekommen wird:
Nachdem ich anlässlich der letzten Unterredung den Eindruck gewonnen habe, dass Sie angesichts der zur Zeit noch bessern Verhältnisse dieser letzteren Möglichkeit gar nicht Rechnung tragen und gewissermassen «den Kopf in den Sand stecken», halte ich es für meine Pflicht, als ihr Anwalt Sie hiedurch nochmals nachdrücklichst auf diese aufmerksam zu machen, damit Sie Ihre Entscheidung in voller Kenntnis aller Vor- und Nachteile treffen können und unter Abwägung aller Momente.
Inzwischen hat die Weltwirtschaftskrise den Tourismus zum Erliegen gebracht und die Mängel des Hotel Eden treten umso stärker zu Tage, wie sich Walter in einem Brief vom 9. Mai 1935 an seinen Bruder Paul beklagt:
Das Eden-Hotel ist von fachtechnischem Standpunkt aus mit einem fast extremen Diletantismus [sic] aufgebaut worden. Fast seit der Eröffnung doktern wir mit einem Sündengeld an den allernötigsten Abhilfen herum. Das Masshalten in diesen Sachen & die Aufrechterhaltung des Budgetgleichgewichtes, wohlverstanden mit Zuzug des Privatvermögens, haben unter Kollegen, die den Zuzug des Privatvermögens nicht in Betracht zogen, dem Hotel den Stempel eines guten Geschäftes & dem Leiter den eines respektablen Geschäftsmannes aufgedrückt. Die diletantische Grundlage blieb aber bestehen, der Brustkranke kann dem heutigen Zugwind nicht standhalten & – die Hilfsquellen sind versiegt. Der Hauptgläubiger hat uns ausgepumpt bis auf den Betrag, den er als Basis für die kommende Aera glaubte annehmen zu dürfen. Auch er wird sich noch irren & zu Verlusten kommen. Was weiss er, da wir immer bis auf den letzten Blutstropfen gezinst haben, von der Lage hinter der Drossel4, dass sogar diese noch zu weit vom Verkehr abliegt, von einem Bellevuedach5, um dessenwillen man den Gästen die Aussicht mit Bäumen nehmen muss, von einer ev. Gefahr der bis jetzt verschont gebliebenen Semiramisterrasse6, vom «Loch» das vor der Hotelfront lauert, von den vielen Korridoren & Stiegen & wenigen Zimmern, von 37 Zimmern, von denen nur 20 eine annehmbare Grösse haben, abgesehen von der verbauten Aussicht (mit Ausnahme des einen, das nicht verwertet werden konnte, Ateliersalon) – von den abnorm vielen Holzzementdächern, die infolge der abgelaufenen Zeit vor der Erneuerung stehen, von einer Unmenge von Kenneln & Blech, von einem Atelier mit einem faulen Dach, das in besseren Zeiten nicht in geldtragende Zimmer umgebaut werden konnte, weil man das halbe Haus hätte abtragen müssen, von vorsintflutlichen Kühlanlagen etc.
Walter zeigt sich in diesem Brief entschlossen, das Hotel zu verkaufen und legt seinem Bruder Paul die Gründe für seine Demission, wie er es nennt, vor. Diese liegen nicht nur in der Unzulänglichkeit der hoteleigenen Infrastruktur. Seine Frau Caroline, eine geborene Beeler, verwitwete von Reding, mit der er seit 1920 verheiratet ist, leidet an einer chronischen Krankheit (vermutlich Parkinson), was Walter sehr belastet. Sechseinhalb eng beschriebene Schreibmaschinenseiten geht er auf die Einwände Pauls (oder aller drei Brüder) ein, argumentiert und rechtfertigt sich. Die Brüder sind offensichtlich nicht einverstanden mit seinem Entschluss und haben ihm verschiedene Vorschläge gemacht. Konkrete: verpachten statt verkaufen, aber auch abstrakte: das Positive nutzen. Walter entlarvt sie alle als traumtänzerisch und schliesst seine Argumentationen mit dem Appell ab: «Wenn ich so schon genug zu kämpfen habe, muss ich denn noch Euch bekämpfen!»

Aller Entschlossenheit zum Trotz gelingt es Walter nicht, sich durchzusetzen. Das Hotel wird nicht verkauft, er muss weiter mit sinkenden Übernachtungszahlen kämpfen und «den Karren weiterziehen», ein Ausdruck, mit dessen Verwendung er offenbar gegenüber seinen Brüdern Empörung ausgelöst hat, weshalb er ihn Paul gegenüber im oben zitierten Brief erläutert:
Als das Hotel gebaut wurde, geschah das «Ziehen» durch Mama & Mathilde7. Später kam ich dazu, etwa von 1910 (von 1920 an mit meiner Frau) darf ich mich mit gutem Gewissen als den Zieher des Karrens betiteln. Ich verlange keine Medaille dafür & ich wünsche es keineswegs zu betonen, aber ich bestreite es, wenn man etwas anderes behauptet.
Man spürt die Vorwürfe der Brüder aus diesen Zeilen und die Spannungen scheinen nicht weniger zu werden. In einem geradezu herzzerreissenden Brief an seinen Bruder Ralph schreibt Walter am 28. November 1938:
Lieber Ralph!
Es ist mir bitter ernst, indem ich Dir schreibe.
Du hast dich neulich zu Bemerkungen hinreissen lassen, die einen Riss in unserm Verhältnis hervorgerufen haben, der sich schwer heilen lässt.
Der Brief ist sowohl ernst als auch bitter, schreibt sich doch Walter darin alle Beleidigungen und Vorwürfe, vermeintliche und tatsächliche, vom Herzen. Ralph, der als einziger der drei Brüder, als Professor am Technikum in Winterthur, über eine Lebensstellung und ein festes Einkommen verfügt, hat offenbar Walter vorgeworfen, sich seiner Arbeit nicht genügend zu widmen und zu sehr dem Müssiggang zu frönen. Ein Vorwurf, der Walter mitten ins Herz trifft:
Ich und andere wissen, was ich leiste, Dein hässlicher Neid darüber, dass ich meine Zeit nach freiem Belieben einteilen kann, ist ein falscher Richter. Du kannst meinetwegen Deinen Schülern, die wehrlos sind, Faulheit vorwerfen, ich kann es nicht annehmen von einem Mann, der nicht die Tatkraft aufbringt, seine Zähne in Ordnung zu bringen & lieber leidet. Von einem Mann, der stundenlange Spaziergänge macht oder stundenlange müssige Gespräche in Wirtschaften & auf Strassen führt, während ich Cello spiele.
Kurz ein paar Worte über das Cello. Du hast einmal die Bemerkung fallen gelassen «es sind jetzt nicht die Zeiten dazu, ein Cello zu kaufen».
[…]
Hast Du eine Ahnung, was das Cello für mich ist?! Zu dieser Rechnung scheint deine professorale Weisheit nicht zu langen. Es ist der Retter für mich, dass ich bei dem Unglück der Krankheit meiner Frau, bei den Sorgen im Geschäftsbetrieb, der totalen Unsicherheit meiner Zukunft, & der Tatsache, dass ich eigentlich nicht da stehe, wo ich sollte (denn meine Neigungen haben mit meinem Beruf nichts gemein), dass ich bei allen diesen Tatsachen nicht ein Griesgram werde wie Du. Nebenbei habe ich das Bewusstsein, wenn auch viel zu spät, aus meiner Begabung noch das Möglichste gemacht zu haben.8

Walter spielt Cello, die Musik ist seine grosse Leidenschaft und gleichzeitig seine unerfüllte Liebe. Der heroische Kampf um die Erhaltung des Familienhotels und der ursprünglichen Villa Ruhheim mit dem Atelier seines Vaters Alfred, des Kunstmalers, Weltenbummlers und Forschers, hatte nämlich eine noch tragischere Kehrseite.
In dem bereits zitierten Brief an seinen Bruder Paul vom 9. Mai 1935, in dem er Bezug nimmt auf eine kürzlich erfolgte Auseinandersetzung, formuliert er die Tragik seiner Situation folgendermassen:
[…] Was das «Opfer» anbelangt, so kann ich nicht ohne Bitterkeit an die Vergangenheit zurückdenken. Glaubst Du wirklich, dass es mir je eingefallen wäre, mich dem Hotelfach zu widmen, wenn kein Hotel im Moment der Wahl meines Berufes da gestanden hätte? Ich hätte mich nicht durch Bequemlichkeit betören lassen, mein Leben einer Tätigkeit zu widmen, zu der ich keine Beziehung habe. Man hat meine Bequemlichkeit leider aus gleicher Bequemlichkeit unterstützt. Und als ich mich als 20jähriger instinktiv noch einmal aufbäumte (Bischofszellerzeit)9, liess man mich zwar machen, aber man half mir nicht, weil man mich nötig hatte. Othmar behauptet zwar, der Starke ringe sich immer durch. Darauf entgegne ich: Der Schwache hat auch seine Existenzberechtigung. Dann scheint er die Macht der Verhältnisse (Tragik) & Faktoren wie Rücksicht, Folgsamkeit & Gutmütigkeit wenig in die Wagschale [sic] zu werfen.
Walter konnte seiner Berufung zum Musiker nicht folgen und die erwähnte Tragik, bezieht sich nicht nur auf den Umstand, dazu verknurrt zu sein, das Hotel weiterzuführen. Die zweite genauso schwerwiegende Tragik seines Lebens bestand wohl darin, im Schatten des hochbegabten jüngeren Bruders zu stehen. Ob Othmar verstanden hat, wie sehr er seinen Bruder Walter verletzte, wenn er sagte, dass Talent sich immer durchsetzen würde?
Walter hat sich intensiv damit beschäftigt, welche Umstände gegeben sein müssen, damit sich Talent durchsetzen kann und sogar Hier findet sich denn auch eine deutliche Entgegnung auf Othmars Behauptung:
«Der Satz, dass der Trieb, wenn er stark genug ist, immer zu seinem Recht komme, ist eine gutgemeinte Beschönigung. Die Robusten, die Rücksichtslosen brechen sich Bahn, gewiss; aber die Zarten unterliegen, sei es nun zufolge von Widerwärtigkeiten oder von andern Umständen, die sie an einen Boden fesseln, der die delikate Saat nicht aufkeimen und Früchte tragen lässt. Die Theorie von der Durchschlagskraft eines jeden Talentes ist falsch. Es wäre ebenso falsch, die Existenz einer Tragik leugnen zu wollen.»11
Vielsagend ist auch sein Plädoyer für die nur mittelmässig Begabten:
«Die Ansicht, dass nur einem überragenden Talent das Recht eingeräumt werden soll, einen Künstlerberuf zu ergreifen, richtet sehr viel Unheil an. Gibt es nicht Tausende von mittelmässigen Künstlern, die in der Ausübung ihres Berufes glücklich sind?»12
Walter Schoeck, Hotelier wider Willen, der grossen Trost im Cellospielen fand, ist 1953 im Alter von 68 Jahren gestorben, kurz nach dem von ihm so lange angestrebten Verkauf des Hotels. Er hinterliess seinen Sohn Georg, dem er wie die Briefwechsel zwischen ihnen zeigen, ein sehr liebevoller Vater war.
Und wenn die oben erwähnten Korrespondenz-Ausschnitte den Eindruck hinterlassen, dass zwischen den Brüdern nur Streit und Neid geherrscht hätte, zeichnet sich aus Gründen der Erzählökonomie ein falsches Bild. Auf Streit folgte Versöhnung und die Auseinandersetzungen zeigen eine beeindruckende Streitkultur.
Ein letztes und vielleicht wichtigstes Teilchen im Bild von Walters Persönlichkeit soll der Kondolenzbrief zu seinem Tod von Hermann Hesse an seinen Sohn Georg beitragen:
Die liebe, freundliche, heitere Gestalt Ihres Vaters steht bei mir in guter und freundschaftlicher Erinnerung; sein schönes Lachen, seine gute warme Stimme, sein Cellospiel, das alles wird bei mir, solange ich noch da bin, unvergessen sein.
In herzlicher Teilnahme an Ihrer Trauer
grüsst Sie Ihr
H. Hesse13
