2.6.26
Jürg Auf der Maur
Ralph ist «ein ganz eigenthümlicher Junge, schnell beleidigt, wobei grosse Tränen über die Wangen und weiter laufen». So beschrieb das Kindermädchen Lotte Müller 1895/96 in ihren Aufzeichnungen den zweitältesten Schoeck-Buben. Meinrad Inglin, der Schwyzer Schriftsteller, der ein regelmässiger Gast im Hause Schoeck in Brunnen war, umschrieb ihn in seinem Fragment «Nachts bei den Brüdern Schoeck» Jahrzehnte später so: Ralph Schoeck (1884–1969) sei «grossgewachsen, hager, zäh, ein grundgütiger, lauterer Mann», der – laut Inglin – bis ins hohe Alter Toscanelli geraucht habe.
Es ist schwierig, Ralph auf wenigen Zeilen zu erfassen und ihm gerecht zu werden. Als Akademiker scheint er aus der Familientradition von Kunstschaffenden zu fallen, seine vielen Talente machen aber deutlich, dass er unbestritten ein Teil dieser Familie ist. Als «grüner Bewahrer», der zwischen Universität, Armee, Kunst und Natur pendelt, würde er heute wohl am treffendsten bezeichnet. Der folgende Artikel ist der Versuch einer Annäherung in sechs Schritten.
Der Nicht-Künstler
Im Gegensatz zu seinen Geschwistern fällt Ralph nicht als aktiver Künstler auf – weder als Maler noch als Komponist oder Musiker. Er spielte zwar jeweils gerne mit, wenn es darum ging, nach dem Essen die Familie musikalisch zu unterhalten. Aber er hegte – anders als Othmar oder Walter – nie diesbezügliche Ambitionen. Er trat auch weder komponierend noch schriftstellerisch in Erscheinung. Ihm stand das Technische, das Mathematische, von klein auf viel näher. So entdeckte er in seiner Gymnasialzeit seine Liebe zur darstellenden Geometrie, was am Schluss mitentscheidend für die Wahl seines Studiums war.
Trotzdem: Ganz ohne Hang zum Musischen war auch Ralph nicht. So soll er im hohen Alter ein wunderschönes Portrait seiner Mutter gemalt haben. Auch an der Produktion «Am Silbersee» – einem frühen Opernexperiment von Bruder Othmar – war Ralph ebenfalls beteiligt, indem er für die Bühnenbildentwürfe und die Technik zuständig war. Auch beim gemeinsamen «Theatern» mit den Geschwistern machte Ralph mit – wenn auch nicht in tragender Rolle.

Als die Schoeck-Buben in den 1890er-Jahren ein Kaninchenhaus bauten, waren Ralphs handwerkliche Fähigkeiten und sein technisches Flair gefragt. Er war für die Eisen- und Blecharbeit am Gebäude zuständig und montierte zum Ende sogar richtige Wetterfahnen aufs Dach.
Techniker und Professor
Seine «technische Seite» wurde gefördert von Professor Stodola. 1911 arbeitete Ralph bei der Maschinenfabrik Oerlikon an der Entwicklung eines Flugzeugmotors, wo er wohl mindestens zum Teil umsetzen konnte, was er rund fünf Jahre vorher in Mailand gesehen hatte. Den technisch interessierten 22-jährigen zog es 1906 an die dort stattfindende Weltausstellung, die dem Thema Verkehr und damit auch dem beginnenden Flugverkehr gewidmet war.
In den Briefen und Postkarten nach Hause zeigt sich 1911 nicht nur Ralphs Freude über seinen Beruf, sondern auch, dass er über viel Schalk und Witz verfügte. So schrieb er nicht ohne Stolz den Eltern in Brunnen: «Mein Motor kommt jetzt dann in die Montage (wobei nicht etwa der als blau bezeichnete Wochentag gemeint ist)».
Kurz vor dem Krieg, Ralph steckte mitten in einem Armeedienst in Walenstadt, wurden die Weichen für seine weitere Karriere gesteckt. Ralph bewarb sich bei den Professoren Grossmann und Meissner für eine Stelle. Mit Erfolg: 1916 war Ralph Assistent an der ETH in Zürich und zwei Jahre später bereits Professor für Maschinenbau am Technikum Winterthur.
Der Naturmensch
Wie viele Knaben in seinem Alter schoss auch der spätere Tierfreund zum Vergnügen noch mit einer Schleuder auf Vögel, baute Vogelfallen oder fischte gerne zusammen mit seinen Geschwistern im nahen See. Ralph spielte da sogar den Anführer. Er war es, der diese Vogelfallen erstellte, er war es auch, der Büchsen organisierte, um Würmer oder andere Köder aufbewahren zu können. Die Buben zog es stundenlang an den Vierwaldstättersee, oft ohne vorherige Benachrichtigung der Eltern, was dann postwendend wieder Strafen absetzte – von Hausarrest bis zum vorzeitigen Zu-Bett-Gehen-Müssen.
Aus dem Vogeljäger und Fischer Ralph wurde später mit der Zeit ein grosser Natur- und Tierfreund. Ralph habe mit Vorliebe das wildeste Bergland durchwandert, schreibt Inglin. Besonders angetan hat es ihm das Spazieren in der unmittelbaren Nachbarschaft im Morschacherwald oder auf dem Axenfels. Oft zog es ihn in die Schwyzer Berge, etwa in die Region Muotathal, wo er auf der Lidernen bei den «faulen Zähnen» anzutreffen war – sei es mit seinem Hund Waldi, nahen Verwandten oder Gästen, die er gerne dorthin führte. Auch Wanderferien im Wallis, Ausflüge in die Ostschweiz oder das Tessin wurden zum Ziel und Ausgangspunkt verschiedenster Exkursionen in die Natur.

Die Tier- und Naturliebe war offenbar so gross, dass Meinrad Inglin den Eindruck bekam, diese sei bei Ralph vielleicht grösser als jene zu den Menschen. Dagegen spricht aber, dass Professor Schoeck oft stundenlang im Dorf Brunnen auf seiner «Runde» anzutreffen war, und sich da und dort gerne in einen Schwatz verwickeln liess. Einmal musste er der Schwyzer Polizei sogar fünf Franken Busse bezahlen, weil er nach Mitternacht noch im Restaurant sass und gegen die Polizeistunde verstiess. Die heutigen Schoeck-Nachkommen wissen aus Erzählungen, dass sich noch vor wenigen Jahren in Brunnen einige erinnerten, dass ihnen Ralph als Kinder jeweils Bananen zusteckte, wenn sie in der Nähe der Villa waren. Grund genug offenbar für einige Brunner Jugendliche, ihr Ausgangsrayon Richtung Villa Ruhheim zu verlegen.
Nicht nur mit Wanderungen und Ausflügen im Kanton Schwyz oder in der unmittelbaren Umgebung von Brunnen stillte Ralph seine Naturfreude. Es zog ihn auch schon früh weiter weg, etwa nach Malta, Italien und anschliessend sogar bis Tunis – zwei Jahre vor seinen Eltern. Allerdings war Ralphs Reise 1909 von so grosser Hektik geprägt, dass er in Briefen nach Hause klagte, ihm sei die Lust aufs Reisen vergangen: «Eindruck folgt auf Eindruck. Mir kommt alles nur noch so wie im Traume vor. Wie man sich beim Essen den Magen verderben kann, so habe ich mir den Sinn für die Schönheit und Fantasie verloren». So berichtet er im August 1909 und präsentiert hier auch eine sensible Seite. Nicht unbegründet. In Malta war Schoeck beispielsweise gerade mal sechs Stunden.
Der Heimatschützer
Ralph war nicht nur bekennender Natur- und Tierfreund. Er beteiligte sich mit Verve auch aktiv im Heimatschutz. So war er Mitglied im Schwyzer Natur- und Heimatschutzverband und engagierte sich zu Beginn der 1950er Jahre rund um den Axenstrassenumbau. Schoeck wollte, dass die geplante Strasse auf einem kurzen Teilstück etwas bergwärts verschoben worden wäre, damit Platz für einen Grünstreifen geblieben wäre. In einem Brief an das Schwyzer Strasseninspektorat führte er gleich mehrere Gründe für seinen Vorschlag an.
«Vor allem erhält die Aussicht auf See und Berge durch einzelne Bäume und Gebüsche erst den schönen Rahmen, der das Bild der Landschaft besonders heraushebt», argumentierte Rentner Schoeck, der mit dem Umschwung der Villa Ruhheim nicht nur unmittelbarer Nachbar des Bauvorhabens war, sondern von seinem Garten aus auch einen wunderbaren Blick auf die Felsenstrasse und die Urner Berge hatte. Schon ein kleines Gebüsch und einzelne Zweige würden der Baulinie «ihre Härte und Kahlheit nehmen», führte er weiter ins Feld. Schliesslich würden einige Bäume «schon rein subjektiv ein Gefühl von Kühlung» vermitteln, die Verkehrssicherheit würde insgesamt erhöht und die unschön wirkenden Auskragungen verkürzt.
Das Anliegen von Schoeck und seinen Heimatschutzkollegen stiess in Schwyz (und Bern) auf steinigen Boden. Das zeige die «lakonische und reichlich verspätete Antwort des Strasseninspektors auf die Eingaben von Professor Schoeck und mir zur Genüge», heisst es im Schreiben, das der Brunner Kantonsrat und Heimatschützer Dr. Hermann
Stieger seinen Mitkämpfern zustellte. Der Streit zog sich weiter, ohne grosse Erfolge für die Anliegen der Natur- und Heimatschützer am Axen.
Offizier und Heimatverteidiger
Auch Ralphs Tätigkeit als Offizier der Schweizer Armee zählt – auf eine andere Weise – zum Bild des Heimatschützers. Ein grosser Teil von Ralphs Nachlass besteht aus verschiedensten Regulativen, Formularen oder Ausweisen aus seiner Tätigkeit als Offizier und zeigt, wie engagiert er seine Dienstpflicht wahrnahm.
Zwar soll er als junger Offizier von einem ungeschickten Vorgesetzten falsch behandelt worden sein, weiss Inglin. Was genau vorgefallen war, ist aber nicht weiter überliefert. Schoecks Begeisterung für den Armeedienst tat dies jedenfalls keinen Abbruch. Er soll sogar mit dem Gedanken gespielt haben, Instruktionsoffizier zu werden. Später fiel er als initiativer und bei seinen Truppen beliebter Offizier auf, der in Sachen Kommunikation neue Standards lancierte, indem er jeweils beim Antrittsverlesen seine Leute über die neuesten Nachrichten zum Kriegsverlauf informierte und diese auch erklärte.

Gemäss Inglin hatten alle vier Brüder eine «humane Gesinnung». Kriegsgurgeln waren sie allesamt nicht. Sie hegten Hass gegenüber allem Überheblichen oder Anmassendem, «das zum Krieg bereit ist oder gar zum Krieg hetzt». Ralph war während des Krieges in der Region Basel stationiert und musste zum Teil hautnah den Grabenkrieg im Elsässischen zwischen den deutschen und französischen Truppen verfolgen. Auch hier zeigt sich Ralphs sensibles Wesen: Er schrieb damals nach Hause: «Wir haben heute in die Schützengräben hineingesehen. Es ist einfach Wahnsinn, wenn man denkt, dass diese sich da drüben schon über drei Jahre fortwährend beschiessen».
Alle vier Schoeck-Söhne mussten schon 1910 in die Manöver einrücken. Die berufliche Laufbahn wurde durch den Krieg verzögert. So steckte Ralph mitten im Dienst und musste zuwarten, bis er sich bei Professor Meissner in Zürich persönlich vorstellen konnte. Ausser Walter leisteten alle Kriegsdienst. Ralph blieb der Armee treu und wurde als Oberleutnant Ende 1944 feierlich entlassen, sein Dienst verdankt.
Der Zögerer
Wohl mit seiner Liebe zur Tradition zu tun haben dürfte schliesslich, dass er zeitlebens am Elternhaus, Brunnen und seiner Umgebung hing. Während all der Jahre als Professor am Technikum in Winterthur floh er am Wochenende Stadt und Kanton Zürich und reiste in die Villa hoch über dem Vierwaldstättersee. Hier verbrachte er seine Freizeit, hier verbrachte er nicht nur seine Wochenenden, sondern auch einen grossen Teil seiner Ferien. Als emeritierter Professor zog er wieder ganz nach Brunnen zurück und verbrachte hier seinen Lebensabend.
In all den Jahren verschlechterte sich aber nicht nur der Geschäftsgang des Hotels – gravierender war, wie sich das Verhältnis zu Walter von Jahr zu Jahr verschlechterte und am Schluss in einem wüsten Streit endete.
Es ging, wie so oft, um die Finanzen. Schon 1934 wies Walter, der den Hotelbetrieb zu führen hatte, seinen älteren Bruder auf die missliche Lage hin. Neben dem Kummer um seine kranke Gemahlin, die von Walter über Jahre liebevoll gepflegt wurde, sorgte das schlecht laufende Hotel, das die Gäste bald an einer Hand abzählen konnte, für grosse finanzielle Probleme. Walter empfahl seinen Brüdern, alles daran zu setzen, das Hotel baldmöglichst zu veräussern.
Die Diskussionen zogen sich in die Länge, Ralph trat immer stärker als Zögerer und Bremser auf. Er liebte die Villa und wollte sie nicht verkaufen. 1938 eskalierte die Auseinandersetzung. Zwischen Ralph und Walter kam es zum heftigen Streit. Gemäss Walter hatte sich Ralph «zu Bemerkungen hinreissen lassen, die einen Riss in unsern Verhältnissen hervorgerufen haben, der sich schwer heilen lässt». Ralph warf seinem Bruder vor, als Hoteldirektor nicht zu taugen. Walter umgekehrt kritisierte Ralph, dass er sich quasi von ihm aushalten lasse, indem er in all den Jahren nie etwas an die Kost und Logis für seine Wochenend- oder Ferienaufenthalte bezahlt habe.
Damit scheint sich der Kreis zu schliessen: Im Nachhinein klingen die Worte, welche das Kindermädchen 1895/96 über Ralph in ihr Tagebuch eintrug, geradezu prophetisch. Sie schrieb über den kleinen Ralph: «Der gute Ralph wird in seinem Leben noch manchmal erfahren, dass die Zunge ein böses Ding ist und viel Schaden anrichtet».

Die Kontroverse dauerte an. Erst 1951, 17 Jahre nachdem Walter erstmals den Verkaufswunsch öffentlich machte, lenkten die Geschwister ein. Die Hotel Eden AG wurde an Albert Janser, einen Wirt in Brunnen, veräussert. Die Villa wurde ausgeklammert; weil Hotel und Villa aber zusammengebaut waren, wurde ein Konstrukt an Reglementen, Einschränkungen und gegenseitigen Konzessionen und Rechten aufgestellt, das bis heute nachwirkt. Auch dieser Vertrag trägt deutlich die Handschrift von Ralphs Zögern – Ausnahmen, gegenseitige Sonderrechte oder Servitute wurden zuhauf formuliert, um, so scheint es, überhaupt einen Vertrag unterschriftsreif zu machen. 1952 schliesslich kaufte Ralph dann von der Hotel Eden AG die Villa Ruhheim, samt Teilen des Gartens und des grossen Umschwungs. 1969 stirbt Ralph Schoeck als letzter der vier Schoeck-Brüder in Brunnen.
